Schweizer Senioren schlucken zu viel und zu lange Beruhigungsmittel

Benzodiazepine sind Medikamente, die bei Schlafproblemen zum Einsatz kommen. Allerdings haben sie auch Nebenwirkungen, die mit höherem Alter noch zunehmen. Benzodiazepine sollten deshalb nicht während längerer Zeit eingenommen werden. Eine Studie im Auftrag des Swiss Medical Board (SMB) hat den Schlafmittelkonsum in der Schweiz untersucht und gezeigt, dass Grund zur Besorgnis besteht. Die Studie wurde vor kurzem in der Zeitschrift «BMJ Open» veröffentlicht.

Zur Behandlung von Angstzuständen und Schlafstörungen verschreiben Ärzte häufig Benzodiazepine. Grosse Studien zeigen jedoch, dass sich vor allem bei älteren Menschen das Risiko für Verwirrtheitszustände und Unfälle mehr als verdoppelt, wenn Benzodiazepine oder andere Beruhigungs- oder Schlafmittel verordnet werden. Aus diesem Grund raten internationale Leitlinien von einer längeren Einnahme von Benzodiazepinen ab. Allerdings gibt es Hinweise, dass diese Empfehlungen in der Schweiz zu wenig Beachtung finden. Dies hat das Swiss Medical Board veranlasst, beim Centre universitaire de médecine générale et santé publique, Lausanne (Unisanté), eine Studie in Auftrag zu geben, die mehr Klarheit schaffen sollte. Deren Resultate wurden vor Kurzem in der Zeitschrift «BMJ Open» veröffentlicht.

Die Forscher hatten Zugriff auf anonymisierte Daten der Krankenversicherung Groupe Mutuel und untersuchten, wie viele der über 65-jährigen Patienten in den Kantonen Aargau, Basel, Freiburg, Genf, Jura, Neuenburg, Tessin, Waadt und Wallis im Jahr 2017 Benzodiazepine erhalten hatten, wie lange dies geschah und ob ein Zusammenhang bestand mit einem Krankenhausaufenthalt, mit den Gesundheitskosten und mit dem Wohnort.

Insgesamt wurden 69’005 Personen im Alter über 65 Jahre in die Studie einbezogen. Rund 20% hatten 2017 mindestens einmal Benzodiazepin erhalten. 40 % der Patienten, bei denen Benzodiazepine verschrieben wurden, erhielten 90 oder mehr Tagesdosen; bei ihnen dauerte die Benzodiazepin-Gabe also länger als drei Monate.

Eine vertiefte Analyse zeigte, dass die Zahl der Benzodiazepin-Verschreibungen mit dem Alter zunahm, dass Frauen Benzodiazepine etwa doppelt so häufig verwendeten wie Männer und dass Versicherte mit einer Franchise von 2'500 Franken wesentlich seltener Benzodiazepine einnahmen als Versicherte mit einer Franchise von 300 Franken. Die Studie fand auch einen Zusammenhang zwischen Benzodiazepin-Gebrauch und unfallbedingtem Krankenhausaufenthalt sowie der Höhe der Gesundheitsausgaben. Zudem wurden grosse Unterschiede im Verschreibungsverhalten den Westschweizer Kantonen und den zwei Deutschschweizer Kantonen beobachtet.

Für den Expertenrat des Swiss Medical Board sind die Resultate dieser Studie eine Bestätigung dafür, dass die Empfehlungen der Fachgesellschafen in der Praxis zu wenig Beachtung finden. Er bedauert zudem, dass die Studie auf jene Kantone beschränkt war, in denen keine Selbstdispensation möglich ist; die Generalisierbarkeit der vorliegenden Ergebnisse auf die ganze Schweiz ist daher eingeschränkt. Ungeachtet der Diskussion über die Vor- und Nachteile der Selbstdispensation wäre es wünschenswert, wenn in den betroffenen Kantonen die direkte Medikamentenabgabe durch die Arztpraxen einheitlich erfasst würde. Ohne eine flächendeckende Datenerhebung bleiben aus Sicht des Expertenrates hinsichtlich der Verschreibung von Psychopharmaka an ältere Menschen viele Fragen offen.

Der Expertenrat würde es begrüssen, wenn die zuständigen Fachgesellschaften die bereits begonnenen Anstrengungen zur Senkung des Benzodiazepin-Konsums intensiv weiterverfolgten. Weitere Analysen zur Häufigkeit, aber vor allem auch zu den Ursachen dieser Verschreibungspraxis könnten dies unterstützen.

Die Studie (englisch) kann unter http://bmjopen.bmj.com/cgi/content/full/bmjopen-2019-031156 eingesehen werden.

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