Der Verdingbub

Der «Verdingbub», ein Top-Film, der sich an ein heikles und sehr dunkles Thema der Schweiz heranwagt. Die Szenen geben ausgezeichnet die schwere, spracharme Bauern-Mentalität wieder. Doch leider ist der Film auch eine schallende Ohrfeige für all jene Verdingkinder, die sich nicht mit einem Örgeli nach Argentinien absetzen konnten.

Macht durch Reichtum und verklemmte, verleugnende, bis perverse Sexualität, die den Alltag der Emmentaler-Bauern geprägt hat, werden subtil und schonungslos aufgedeckt. Die Werte nach denen gelebt werden soll werden vom hohen sozialen Stand (Pfarrer, Beamte, Reiche) bestimmt, welche Lebens-Massstäbe für die Bevölkerung setzen, die wiederum gar nichts zu sagen hat.

Um die Schattenseiten des elitären Denkens zu legitimieren, schafft eine solche Gesellschaft sich Verdingkinder an, diese haben dann alle schlechten Eigenschaften zu erdulden, erleiden, weil man die eigenen dunklen Seiten unter den Tisch kehrt, respektive eben auf die Verdingkinder schiebt.

Genau da kippt der Film.

Es wird das Leben von Max beschrieben, der es schafft und ein grosser Bandoneon-Spieler in Argentinien wird ... Seine Melodie, die er in der Schlussszene im Film spielt, ist ein Schweizer Volkslied.

Diese Szene vermittelt: Pflegeeltern haben also alles richtig gemacht. Max spielt Schweizer Volksmusik in Argentinien, obwohl Max der Stilrichtung des Tangos mehr ergeben ist! Max hat ein Privileg, er ist ein Ausnahme-Verdingkind. Max ist ein begnadetes Musiker-Talent und hat ein Örgeli, welches ihm die dunklen Zeiten erhellt und ihm die Befreiung möglich macht.

Max wird durch die Verfilmung zum Helden gemacht, sein Befreiungsweg glorifiziert das Leben der Verdingkinder.

Finde dieses Film-Geschichten-Beispiel der Verdingkinder in der Schweiz ist eine Ohrfeige für alle Verdingkinder die eben kein Örgeli hatten und es nicht bis nach Argentinien schafften.

Das Film-Happyend ist zwar angenehm und wirkt erleichternd auf den Zuschauer, aber vermittelt, dass es alle Verdingkinder hätten schaffen könnten, wenn sie nur wollten. Und dass die Verdingkinder alle ein Talent haben und dass eine solch qualvolle Kindheit Bedingung ist um etwas aus sich zu machen.

Auch Bezeichnend; Berteli, das Verding-Mädchen, wird umgebracht. Ihr Abtreibungs-Tod, von der Pflegemutter inszeniert, wird als Selbstmord dargestellt, der vielleicht aufgeklärt wird, aber es eigentlich nicht mehr nötig ist, weil Berteli steht allein im Leben, ist nun tod und kann nicht mehr ein weiteres Verdingkind produzieren!

Der Film vermittelt: Frauen haben also keine Chancen nach Argentinien, oder sonst wie sich befreien zu können, weil ihnen ein Kind vergewaltigend gemacht wird und sie dann daran sterben. Nur ein Mann kann es schaffen!

Als Initiations-Film in esoterischen Kreisen mag der Film seine Berechtigung haben. Aber sein Happy-End ist sehr unsensibel im Hinblick auf all die Verdingkinder die in der Schweiz solches und ähnliches wie Max und Berteli erlebten, ohne sich befreien zu können, oder sogar daran gestorben sind. Durch das glorifizieren der Hauptperson Max, wird elitäres Denken weiter zementiert, gerechtfertigt.

Viele der Verdingkinder leben noch, oder ihre Ziehgeschwister. Besonders beim Ansehen des Filmes werden bestimmt Erinnerungen geweckt werden! Wieder einmal mehr schmerzhaft für die ehemaligen Verdingkinder natürlich! Und entschuldigt/rechtfertigt einmal mehr die verlogene Mentalität des Schweizer Bürgers. Hört man sich in gewissen Bauern-Kreisen um, ist man noch heute überzeugt, dass die Verdingkinder solch ein Leben brauchten,- oder es zumindest nicht anders möglich war ihnen ein besseres Leben zu geben, weil sie es nicht anders verdient hätten.

So geschehen auch heute noch fürchterliche Dinge mit Pflegekindern. Vielleicht müssen heute Pflegekinder nicht mehr solche physischen Torturen erleben, aber die psychischen und mentalen Qualen sind nicht weniger geworden.

Das Film-Thema ist gut, das Happy-End schlecht und zeigt die typisch leistungsorientierte, elitär-denkende, verlogene Mentalität der Schweizer Bevölkerung, die weiterhin ihre dunkle Seite rechtfertigend verdrängt, anstatt durch Betrachtung der eigenen unentschuldbaren dunklen Seite etwas Einsicht zu zeigen, das eigene Denken grundsätzlich zu ändern und damit endlich Verantwortung für die dunklen Seiten selber tragen!

Fazit: das verlogene, verurteilende, elitäre Denken der Schweizer wird ein weiteres Mal glorifiziert und bestätigt!!

Das finde ich arg!


Der Spiegel
Neue Zürcher Zeitung

  • Gelesen: 2001

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