Gewalt gegen Betagte nimmt stark zu

Vor einigen Tagen las ich diese Schlagzeile im Berner Bund»: «Gewalt gegen Betagte nimmt stark zu». Eine Studie von Pro Senectute weist darauf hin. Jeden Tag würden gegen Seniorinnen und Senioren rund 20 Gewalttaten bekannt.

 |  Jean-Paul Lutz  |  Kolumne

Vor einigen Tagen las ich diese Schlagzeile im Berner Bund»: «Gewalt gegen Betagte nimmt stark zu». Eine Studie von Pro Senectute weist darauf hin. Jeden Tag würden gegen Seniorinnen und Senioren rund 20 Gewalttaten bekannt.

Liebe Leserin
Lieber Leser

Diese Worte stimmen mich nachdenklich ...

Ein Zitat von Ruth Mettler von der «Anlaufstelle Alter ohne Gewalt» lautet:
«Die Zahl der zur Anzeige gebrachten Straftaten habe sich in den letzten zehn Jahren mehr als verdoppelt – von 3600 auf 7400 Fälle».
«Die Übergriffe fanden in 81 Prozent der Fälle durch Partner oder Kinder statt».

Und ich werde noch nachdenklicher ...

Wenn sich diese Zahl verdoppelt hat, wie hoch wird da die Dunkelziffer sein? Das ist ja nicht auszudenken! Denn bei solchen Zahlen muss davon ausgegangen werden, dass 96% der Delikte gar nicht erst gemeldet würden. Darum ist es nach einer vorsichtigen Schätzung wohl so, dass es sich in etwa jede «fünfte ältere Person» handeln könnte.

Und meine Nachdenklichkeit wird gar zum Albtraum ...

Wenn ich – jetzt noch ein rüstiger Mann, der aktiv am Weltgeschehen interessiert ist, und der für sich selber schauen und sich frei bewegen kann – im hohen Alter erfahren müsste, dass auch ich zu diesem Fünftel «betagter Personen» gehöre, die am eigenen Leib Gewalt erleben müssen und sich dagegen nicht zur Wehr setzen können. Denn genau das sagt diese Zahl der Pro Senectute aus. Und da spreche ich nicht von fremden Personen, sondern von Angehörigen. Gott bewahre!

Es könnte nämlich passieren, dass ich – z.B. für meine Vergesslichkeit oder meiner Aufmüpfigkeit, mit der ich mich gegen die Vereinnahmung oder Willkür wehre oder wegen meiner zunehmendern Einsamkeit (begleitet von einer Altersdepressionen und Ängsten vielleicht) oder wegen meiner Inkontinenz – massgeregelt und mit Schlägen bestraft werden könnte.
Oder dass ich als undankbarer und rechthaberischer «Dynosaurier» und böser alter Mann ans Bett gebunden und so gedemütigt werde.

Weil ich mich so sehr über mich selbst schämen würde, dass ich nicht mehr so funktioniere wie früher, dann könnte es wohl sein, dass ich Schläge oder Beleidigungen aus Scham niemandem beichten und schon gar nicht zur Anzeige gegenüber einem tätlichen Familienmitglied bringen könnte – wohl aus der Angst heraus verlassen und für immer alleingelassen zu werden.

Oder dass man mir drohen würde mich bevormunden zu lassen, weil ich ohne Schlüssel aus der Wohnung laufe und nicht mehr weiss, wer und wo ich bin – oder «aus dem Fenster steige» (wie der legendäre 100Jährige) oder mich im Keller verstecke oder vielleicht in Begleitung eines anderen fremden einsamen Menschen – eines Clochards oder einer «Clocharde» – ausbreche und Unterschlupf finde und mein Geld verprasse, das eigentlich gar nicht mehr mir, sondern meinen Angehörigen gehört.

Dass ich mit Fremden besser über meine Ängste sprechen kann als mit Angehörigen, das ist mir schon seit langen klar. Auch über das Leben und die Freiheit zu philosophieren fällt mir mit fremden Menschen leichter. Dann, nach drei Tagen Unauffindbarkeit, werde ich entdeckt und von der Polizei nach Hause oder zurück ins Heim gebracht, und alle sind zuerst glücklich, dass das «Verlorene Schaf» wieder gefunden wurde – doch nach dieser kurzen Betroffenheit werden sie mir – zusammen mit dem Beistand oder der Beiständin – mitteilen, dass ich kein Einsehen hätte und auch keine Reue zeige und ein Leben lang und egoistisch gewesen sei und auch bleiben werde – und da komme ich mir selber vor wie ein Stück Scheisse. Dabei will doch kein Mensch blosse Scheisse sein.

Dass die häusliche Gewalt vor allem die Frauen im Alter (oft über 80Jährige) trifft, ist nur logisch. Denn wenn Frau, Mutter und Grossmutter ihr «Energie-Kapital» in einem langen Leben aufgebraucht hat, dann wird das von Ignoranten wie eine Pflichtverletzung gegenüber dem traditionellen «dienenden», christlichen Frauenbild gesehen, das eigentlich bis in die Ewigkeit reichen sollte.
Eine weitgehend männliche Gesellschaft verbietet in praktisch allen Kulturen und Religionen verbietet den Frauen auch die Wut und die Verzweiflung. Dazu habe sie kein Recht. Frauen, die sich wehren oder um sich schlagen oder sich gar rächen, werden für begangene Delikte immer höher bestraft als ein Mann mit denselben Vergehen.
Und das darum, weil diese Frauen gegen ihre zugeteilte Rolle rebellieren. Doch wenn sich die Frauen in Afghanistan, im Iran oder in den Emiraten und an vielen andern Orten gegen ihre Unterwerfung wehren und sich den Zugang zu Bildung und Beruf verlangen, dann werden sie je nach Land und politischer Kultur inhaftiert, gefoltert, vergewaltigt oder gesteinigt. Das geschah vor sehr wenigen hundert Jahren bei uns in den kirchlichen Hexenprozessen.

Doch auch in vielen christlich-patrizentrischen Kirchen und Religionen wird das Dilemma mit den nicht zähmbaren Frauen so gelöst, dass sie entweder zur Hure gemacht oder dann zur «Heiligen auf den Altar der Unlust»* gestellt werden.
Wie weiter? Die Zahlen von Gewaltanwendung durch Angehörige und auch in Alters- und Pflegeheimen – «Jede/r Fünfte» – reicht längst aus um die dahinter liegende versteckte strukturelle Gewalt die gegenüber Betagten ausgeübt wird zu erkennen, zu benennen und mit guten Kommunikations-Programmen die Risikofaktoren zu eliminieren. Die Frage besteht nach wie vor:
Wieviel Wert hat ein Menschenleben – egal in welchem Alter und in welchem Geschlecht.

Euer

Jean-Paul Lutz, Theologe und Buchautor

  • aus meinen Roman «Die falbfarbene Löwin». www.relatio.ch


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