Corona – Das Ende des Tunnels?

 |  Paul J. Lutz  |  Kolumne
Liebe Leserin, lieber Leser    
 
Bald ist Ende Februar 2022. Vor zwei Jahren überfiel uns die Corona-Pandemie. Für die meisten Menschen war es ein Wechselbad zwischen Hoffnung und Verzweiflung. Für immer verloren zu gehen – oder vergessen zu werden. Beruflich, privat, psychisch.
 
In Familien. werden Beziehungen und Freundschaften wegen Entfremdung, Gleichgültigkeit und Misstrauen arg strapaziert. Familien zerbrechen. Jugendliche, haben endgültig die Nase voll, ein- oder ausgesperrt zu werden (ist ja auch ihr gutes Recht) – Viele leiden und werden psychiatrisch behandelt. Dazu kommen all die zerbrochenen Hoffnungen, die mit der Pandemie einhergehen: Anstatt zu leben bloss noch Überleben. Es trifft sehr viele, besonders Freischaffende. Häusliche Gewalt zerstört Familien. Mauern türmen sich auf. Einander vergeben ist schwer. Angesichts des Absturzes in die Verarmung verbleibt bloss noch die absurde Hoffnung, das Unheil doch abwenden zu können. Eine Illusion. Es sieht aus, als sei die Pandemie, die zu den ersehnten Lockerungen geführt hat seit dem 17. Februar fast passé. Vor einem Jahr hoffte ich auch auf das «Ende des dunklen Tunnels». Eine Metapher als Ausdruck der Hoffnung.    
 
Vor einem Jahr schrieb ich an dieser Stelle: Wir rasen durch den berühmten Dürrenmatt'schen Tunnel und erleben eine neue, bisher unbekannte Realität. Der Zug stürzt ab. Dabei ist es bloss ein harmloser Tunnel, wo jeder Zug durch muss, um wieder ans Tageslicht zu gelangen. Dürrenmatts Weltuntergang ist ein visionärer Albtraum. Millionen von Menschen sind weltweit auf der Flucht. Sie stranden und hoffen auf eine Arche, die sie gnädig aufnimmt. Doch die Plätze sind längst ausgebucht. Die Schotten sind dichtgemacht. Wer in der Arche Platz findet, kann in den kommenden 42 Tagen und Nächten (so lange dauerte die biblische Sintflut) ruhig warten, «bis die Wasser abgeflossen sind, die ewig fliessen» (Wolf Biermann). Das «Licht am Ende des Tunnels» erscheint und verkündet den «Morgen der Menschheit» (Stanley Kubrik).
 
So kreisen meine Gedanken um Bilder: Sitzt Gott etwa in der Arche? Aber ich hoffe lieber, dass er nach den Toten auf dem Meeresgrund sucht. Ich sitze im Zug und warte sehnsüchtig. Ich starre nach vorne. Ich will das erlösende Licht nicht verpassen. Es gibt ja auch vieles zu tun: zerrissene Freundschaften und Beziehungen zu beleben, zu pflegen. Damit ich nicht von der Einsamkeit (auch eine üble Epidemie der Vereinsamung) verschlungen werde. 
 
Jean-Paul Lutz, Theologe und Buchautor
 

Zur Person: Homepage des Autors: www.relatio.ch
und zu seinem Buch: Die falbfarbene Löwin – Roman



© All rights reserved. Powered by intermedien.ch

Back to Top