«Alles neu macht der Mai» – oder was?

Liebe Leserin, lieber Leser,

In der Verlagsbeilage «Senioren» vom Samstag, 24. April im «Bund», lese ich über Frühlingsgefühle im Alter und wie die späte Liebe zu finden sei – sowie über ein erfülltes Alter und als grosser seelischer Dämpfer, das durch Corona bedingte Gefühl des Alleinseins, des Vergessen-Werdens und der Einsamkeit.

 |  Paul J. Lutz  |  Kolumne

Liebe Leserin, lieber Leser,

In der Verlagsbeilage «Senioren» vom Samstag, 24. April im «Bund», lese ich über Frühlingsgefühle im Alter und wie die späte Liebe zu finden sei – sowie über ein erfülltes Alter und als grosser seelischer Dämpfer, das durch Corona bedingte Gefühl des Alleinseins, des Vergessen-Werdens und der Einsamkeit.

Zwar fühlen sich ältere Menschen nicht einsamer als andere Gruppen in der Gesellschaft, ausser, dass ihr Beziehungsnetz weniger dicht sei – besonders wegen der weggefallenen Berufsarbeit und dem fehlenden Austausch mit Berufskolleginnen und -kollegen. Die Pandemie habe sogar einen Digitalisierungsschub ausgelöst, welcher die fehlenden Kontakte gemildert und gar verbessert hätte. Aber dennoch kann das Gefühl isoliert und einsam und nutzlos zu sein rasch Überhand nehmen. Die eigenen Gefühle zu bewerten ist stets sehr persönlich: Fühle ich mich – oder bin ich allein und einsam? Oder beides?

Was ist für Sie, liebe Leserin und lieber Leser, belastender? Ist es die Einsamkeit oder das Alleinsein? Was ist für Sie bedrohlicher? Wann tauchen diese Gefühle auf? Studien wie der Zürcher Gesundheitsbericht «Soziale Beziehungen und Gesundheit» beschreiben, dass vor allem Frauen und Menschen mit tiefen Einkommen am meisten von der Einsamkeit betroffen seien. Nun ja: ich weiss nicht, in welcher Lage Sie sind, und was Sie darüber denken oder fühlen, wenn Sie sich diesen Fragen stellen. Denken oder leiden Frauen anders als Männer? Fühlen sich Männer einsamer als Frauen? Oder ist es umgekehrt? Wer sucht mehr und rascher nach neuen Partnerschaften, Freundschaften, nach Liebe und/oder nach verlässlichen und tragfähigen Beziehungen?

Da schaue ich zuerst einmal auf mich, dieser 74jährige Mann, der relativ gesund ist, und der vor kurzem innerhalb eines Monats doppelt gegen Corona geimpft wurde, und der jeden Tag schmerzfrei aufstehen und aus dem Haus gehen kann, und der liest und schreibt und Klavier spielt und sich eigentlich nicht allein fühlt, aber Halt! Vielleicht bin halt ich doch manchmal etwas einsam – auch wenn ich sehr gerne allein bin. Aber meistens taucht dieses Gefühl eines Mangels auf, wenn ich kein kleines Projekt habe, eine Einladung, ein Zusammentreffen mit Freund oder Freundin, Geschwistern, etc.

Doch spätestens dann, wenn der erste helle Sonnenstrahl an einem schönen Mai-Sonntagmorgen mit Gewalt durch die Fensterscheiben ins Zimmer eindringt und die armen Scheiben, obwohl sie sauber geputzt sind, so blind und grau-braun aussehen lässt, dann ist eigentlich fast alles erträglich –, bloss, dass mir halt doch etwas (oder jemand) an meiner Seite fehlt. Ich stelle dann fest: etwas Wichtiges muss es sein, etwas, das mir da fehlt und mich was ich zu hoffen wage – zu einem sozial verträglichen Menschen machen würde und nicht zu einem alten Giftzwerg, der andere eifersüchtig beäugt und das Gegenüber entweder mit Neid oder mit unverhohlener, innerer Wut – oder aus einer unglücklichen, vielleicht gar depressiven Verstimmtheit ansieht. Ich erlebe immer wieder Zusammenstösse mit wütenden Menschen im ÖV oder auf der Strasse, die mich angreifen und am liebsten zum Bus hinauswerfen würden. Provoziere ich sie? Ich glaube eigentlich nicht. Aber das geschieht meisten dann, so habe ich festgestellt, wenn ich mich gut und entspannt fühle und offen in die Welt hinausschaue und mich über etwas freue, das sich da vor meinen Augen abspielt. Ich surfe ja nicht in dunklen Chatrooms, Internet-Blasen und Echo-Kammern herum, aber ich finde es schrecklich, dass es so viele (Männer mehr als Frauen) gibt, die sich im Schutz der Anonymität im Internet tummeln und Menschen angreifen, verlachen, als hässlich und dumm bezeichnen, und dazu kompromittierende Bilder ins Netz stellen.

Besonders Kinder und Jugendliche sind solchen Angriffen oder Mobbing völlig ausgeliefert und bringen sich deswegen gar aus Verzweiflung immer wieder um. Da nützen öffentliche Aufrufe verzweifelter Eltern nichts; das Netz hilft oder es verdammt, verschweigt, diskriminiert und nötigt. Eine Plattform hat kein Gefühl, wenn es nicht von Menschen getragen wird, die ihre Grenzen kennen. Es bietet auch niemandem Einhalt. Es lässt sich kaum verklagen. Da wird ungerührt weitergemacht.

Woher kommt diese Wut, oder dieser Hass, der einen Menschen plötzlich überfällt? Ist es bloss die Angst vor dem Vergessen-werden, dem Vergessen-worden-zu-sein oder vor dem Sozial-entmündigt-werden?
Oder ist es bloss das Gefühl, die Dinge des Lebens nicht mehr im Griff zu haben? Gar eine Wahrnehmung meiner eigenen dunklen Seite, oder meines eigenen Schattens, den ich nicht zu erkennen vermag? Kann ich dagegen etwas tun? Oft nicht, denn wahrnehmen heisst, dass ich selbst etwas für mich als wahr annehme. Was mit «Wahrheit» eigentlich gar nichts zu tun hat. Die Frage stellt sich: Was unterscheidet mich von «den Andern», denen es besser geht als mir selbst? Vergleiche ich mich eher nach unten oder nach oben? Dazu ein Lied von Mani Matter (1972) welche diese doch recht ambivalente Haltung spiegelt, wenn ich mich mit andern zu vergleichen suche.

Dene wos guet geit, giengs besser
Giengs dene besser wos weniger guet geit
Was aber nid geit, ohni dass's dene
Weniger guet geit wos guet geit
Drum geit weni, für dass es dene
Besser geit wos weniger guet geit
Und drum geits o dene nid besser
Wos guet geit

Da stelle ich doch fest, dass ich mich auf ziemlich brüchigem Eis befinde, wenn ich glaube, dass es den andern gut zu gehen scheint – weil sie lachen und ihre Freude zeigen und einander umarmen und sich sogar gegenseitig auf die Schenkel klopfen, als mir, dem alten Griesgram, der sich mit andern vergleicht, und die er bewundert – oder auch beneidet – und er stellt fest, dass der Apfel, der bekanntlich nicht weit vom Stamm fällt, sich nun doch etwas weit vom Baum entfernt hat, von dem er eigentlich stammt, so dass er den Apfel dem Baum nicht mehr zuordnen kann. Da ist es wichtig, darüber mit jemandem zu sprechen, der mich kennt und schätzt und mich nicht verurteilt, denn sonst werde ich selber zum Krebsgeschwür, eingewoben im Gewebe, das bloss auf seinen Tag wartet, um neu auszubrechen.

2020 03 10 Paul Johannes Lutz 024

Jean-Paul Lutz, Theologe und Buchautor

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