Die Lebenserwartung der 65-Jährigen steigt nur noch langsam

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Mit der Zukunft der Renten sieht es weniger schlecht aus als uns Pensionskassen und Versicherungen weis machen wollen.

Frauen und Männer, die heute Anspruch auf Pensionskassen-Renten und auf die AHV haben, werden zwar immer noch länger leben als die im gleichen Alter im Jahr 2001, doch das Älterwerden flacht sich seit 2011 merklich ab. Das bestätigen die aktuellsten Zahlen des Bundesamts für Statistik.

Sowohl bei den Frauen als auch bei den Männern flacht sich die Kurve der Lebenserwartung seit 2011 ab. 65-jährige Frauen konnten im Jahr 2018 durchschnittlich noch 22,7 Jahre von Pensionskassen- und AHV-Renten profitieren (im Jahr 2011 22,2 Jahre), 65-jährige Männer durchschnittlich 19,9 Jahre lang (im Jahr 2011 19,2 Jahre).

Seit 2011 nimmt die Lebenserwartung der 65-Jährigen weniger stark zu als von den Pensionskassen und der AHV prognostiziert. Grössere Auflösung hier. Quelle: Bundesamt für Statistik (keine Prognose, sondern aktuelle Sterbezahlen). Grafik: Christoph Heinen

Nur schon eine leichte Abflachung der Lebenserwartung hat grosse Folgen für die Rentenfinanzierung. Trotzdem kalkulieren Pensionskassen-Versicherer und AHV-Schwarzmaler weiterhin mit einer fast linearen Zunahme der Lebenserwartung. Sie begründen damit tiefere Renten und ein höheres Pensionsalter.

 

«Jedes zweite Neugeborene wird 100 Jahre alt», verbreitete der Versicherungskonzern Swiss Life in TV-Werbespots und Zeitungsinterviews. Er rührte damit die Werbetrommel für tiefere Renten und ein höheres Rentenalter. Pensionskassen-Versicherer wie Swiss Life übertreiben die «Überalterung» der Bevölkerung, um weniger Renten auszahlen zu müssen.

Bei der «Alterung der Bevölkerung» sind zwei Entwicklungen zu unterscheiden

Die «Alterung der Bevölkerung» ergibt sich aus zwei verschiedenen Faktoren, die man auseinanderhalten muss:

Erstens wird die geburtenstarke Babyboomer-Generation zurzeit pensioniert. Dieser Bauch in der Pyramide der pensionierten Bevölkerung wird nach maximal dreissig Jahren wieder stark schrumpfen, weil diese dann sterben, und der Anteil der über 65-Jährigen an der Gesamtbevölkerung wird wieder sinken. Es handelt sich also um ein zeitlich beschränktes Problem.
Zweitens wurden die einmal Pensionierten bisher immer älter: Frauen, die im Jahr 1981 gestorben waren, überlebten ihren 65. Geburtstag durchschnittlich um 18,2 Jahre. Frauen, die 2018 starben, überlebten ihren 65. Geburtstag wie erwähnt um 22,7 Jahre. Bei den Männern war die Überlebenszeit nach dem 65. Geburtstag von 14,3 auf 19,9 Jahre gestiegen (siehe Grafik oben). Diese Todesfall-Statistik der Vergangenheit nennt man etwas irreführend «Lebenserwartung».
Fälschlicherweise wird davon ausgegangen, dass sich die Tendenz der Todesfall-Statistik in Zukunft mit wenigen Abstrichen fortsetzt. In einem «Referenzszenario» gehen das Bundesamt für Statistik BFS sowie auch das Bundesamt für Sozialversicherungen BFS davon aus, dass 65-jährige Frauen im Jahr 2035 durchschnittlich noch 24,91 Jahre leben und 65-jährige Männer noch 22,44 Jahre. Das entspricht gegenüber heute einer zusätzlichen Renten-Lebenszeit von 2,2Jahren für Frauen und von 2,54 Jahren für Männer.

So viel länger müssten Renten im Jahr 2035 durchschnittlich bezahlt werden, sofern das Rentenalter nicht erhöht wird. Es geht um Milliardenbeträge.

Arme subventionieren die Reichen

Bei den bisher aufgeführten Zahlen handelt es sich um die durchschnittliche Lebenserwartung von 65-Jährigen. Die zehn Prozent wirtschaftlich Schwächsten leben rund 10 Jahre weniger lang und beziehen deshalb auch zehn Jahre weniger lang Pensionskassen- und AHV-Renten als die zehn Prozent wirtschaftlich Stärksten.

Es sind also nicht nur die Jüngeren, welche die Älteren «subventionieren», sondern vor allem bei den Pensionskassen die wirtschaftlich Schwachen, welche die Reichen «subventionieren». Davon ist bei den Rentenreformen viel zu selten die Rede.

Indizien für weniger Renten-Lebensjahre

Die Zukunft kann niemand voraussagen. Doch mehrere Indizien sprechen dafür, dass die 65-Jährigen – im Durchschnitt – bis 2035 mit einer höchstens ganz bescheiden erhöhten Lebenserwartung rechnen können:

Die gegenwärtigen Rentnerinnen und Rentner hatten in den Kriegs- und ersten Nachkriegsjahren zwar entbehrungsreicher, aber besonders gesund gelebt.
Ein Teil der Bevölkerung ernährt sich weniger gesund als früher.
Der Anteil der stark Übergewichtigen und der Menschen, die sich zu wenig körperlich bewegen, hat deutlich zugenommen.
Ein erheblich grösserer Anteil an Menschen war und ist viel mehr Lärm und Stress und Feinststaub ausgesetzt als früher.
Es gibt allerdings auch Gegentrends. So rauchen weniger Männer als früher. Oder es kann künftig zu wirklichen Erfolgen in der Behandlung häufiger Krebserkrankungen kommen. Ein Blick ins Ausland zeigt aber, dass die Lebenserwartung der 65-Jährigen in manchen Industriestaaten seit wenigen Jahren ebenfalls nur noch unmerklich zunimmt, stagniert und in einigen Grossstädten sogar abnimmt.

Entscheidend für Renten der Pensionskassen

Pensionskassenrenten: Für deren Finanzierung ist praktisch allein entscheidend, wie lange die Frauen und Männer nach der Pensionierung noch leben. Denn die Höhe der Renten richtet sich danach, für wie viele Jahre die verzinsten Pensionskassenbeiträge im Durchschnitt reichen müssen. Die apodiktische Behauptung verschiedener Parlamentarier, «die Leute werden immer älter», dient der Stimmungsmache und berücksichtigt den Trend der letzten sieben Jahre nicht.

AHV-Renten: Auch die Finanzierung der künftigen AHV-Renten hängt zu einem beachtlichen Teil davon ab, ob die Lebenserwartung von AHV-Bezügern weiter steigt oder stagniert. Doch solange die AHV direkt mit Lohnprozenten finanziert wird, ist das Verhältnis der Erwerbstätigen zur Zahl der AHV-Rentner ebenfalls wichtig. Dieses Verhältnis verschlechtert sich während zwei Jahrzehnten, weil wie erwähnt die geburtenstarken Babyboomer-Generation zur Zeit pensioniert wird.

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